Wie kann ich Ihnen helfen, mich wieder loszuwerden?

Rezension von Susanne Niederberger

Marie-Luise Conen, Gianfranco Cecchin
Wie kann ich Ihnen helfen, mich wieder loszuwerden?

Therapie und Beratung mit unmotivierten Klienten und in Zwangskontexten
Mit einem Beitrag von Rudolf Klein

288 Seiten, Kt, 3. Aufl. 2011, € 29,95, ISBN 978-3-89670-690-4

1. Teil: Wie kann ich Ihnen helfen, mich wieder loszuwerden? Von Marie-Luise Conen
Dieser zunächst eher wissenschaftlich orientierte Teil liest sich mehr wie eine Dissertation. Frau Conen beleuchtet detailliert die Facetten von Zwang und Freiwilligkeit aus unterschiedlichen Perspektiven. Eine große Fülle an (Literatur-) material lädt zum Nachverfolgen auf zahlreichen Nebenwegen ein und zeigt die langjährige Komplexität des Themas. Allerdings erschweren diese Materialfülle und zahlreichen Zitate auch ein wenig den Lesefluss. Trotzdem lohnt sich das Durcharbeiten dieser ca. 90 Seiten, in denen sehr deutlich die Funktion von Sozialarbeit in einer Klarheit herausgearbeitet wird, wie sie selten angetroffen und noch häufiger geleugnet wird. Dieser ungeschminkte Blick auf die Funktion von Sozialarbeit bildet die Basis für das eigentliche Herzstück Ihres Kapitels unter den Überschriften:

Das Dreieck: Die Situation der Klienten / Die Situation der professionellen Helfer /
Die Helfer – Klient – Beziehung / Helfer – Klient – Auftrageber

Mit beeindruckendem Einfühlungsvermögen und einem strikt ressourcenorientierten Blick schildert sie die jeweiligen Situationen von Klienten in Zwangskontexten. Durch positive Konnotation und Reframing stellt sie „problematisches“ Verhalten und Haltungen von Klienten als sinnstiftende Verhaltensweisen dar, woraus sich geradlinig neue Zugänge für Fragen und (Beziehungs-)Angebote durch die Helfer ergeben.

„Sozial nicht erwünschtes Verhalten zu zeigen oder zu vermeiden – und entsprechendes Problemlösungsverhalten zu zeigen oder nicht -, dies ist letztlich eine Entscheidung, die die Klienten treffen“(S.101). In Bezug auf diese Entscheidung gelingt ihr auf unvergleichliche Weise die feine Balance zwischen positiver Konnotation/Reframing einerseits und der unbestechlichen Klarheit, dass es im Rahmen von Sozialarbeit immer um Veränderungen im Verhalten gehen muss, wenn Menschen sich selbst oder anderen Schaden zufügen.

Wie Helfer genau mit diesem Punkt umgehen können, führt sie unter den Überschriften Kontrakt sowie Systemische Interventionen und Vorgehensweisen in Zwangskontexten aus. Auch hier wieder eine Deutlichkeit bei der Kontraktbildung, an der es häufig im Sozialbereich mangelt und die mitverantwortlich für das Scheitern vieler Veränderungsprozesse ist: „Es ist unbedingt erforderlich, so konkret wie möglich eine Art „Messlatte“ für die notwendigen Veränderungen zu entwickeln. Diese Anhaltspunkte helfen den Klienten, die Verhaltensweisen zu entwickeln, die die Institutionen der sozialen Kontrolle von ihnen fordern – damit dann die Kontrolle über sie beendet wäre.“(S.131)

Systemische Haltung und Interventionen werden hier strikt auf den reflektierten Zwangskontext zugeschnitten. Die Betonung liegt immer wieder auf der eingenommenen Haltung, die maßgeblich die Interventionen beeinflusst. Hilfreich ist in diesem Zusammenhang auch die Auflistung von Fragen, die sich aus Ihrer Erfahrung heraus als nicht hilfreich oder sogar erschwerend erwiesen haben.

Abschließend gibt sie einen Überblick über spezifische Zwangskontexte versehen mit kritischen Anmerkungen.

2. Teil: Therapie und Klient im Zwangskontext: Von Gianfranco Cecchin
Gianfranco Cecchin umreißt zunächst sein Verständnis von Therapie und der Rolle des Therapeuten. Seine Verständnis von Therapie als Konversation über Konsequenzen erläutert die Aufgabe eines systemischen Therapeuten nicht nur im Zwangskontext: Menschen zu helfen, ihren Betrag zu erkennen, mit dem sie ein bestehendes System erhalten und die Konsequenzen aus ihren Entscheidungen zu verstehen. Sein Verständnis beruht auf der Grundannahme, dass alle Menschen frei sind, auch wenn sie dies häufig nicht erkennen können. Er geht der Frage nach, wie Therapeuten ihre Klienten damit konfrontieren können, dass sie trotz eingeschränkter Bedingungen Freiheiten besitzen und wie sie verantwortlich mit ihnen umgehen können. An zahlreichen Fallbeispielen spielt er verschiedene Fragevarianten durch, wie der Therapeut seine Haltung verdeutlichen und damit den Klienten anregen kann, in einem anderen Sinne als bisher über seine Situation und seine Entscheidungen sowie Verantwortlichkeiten nachzudenken. Zwei größere Fallbeispiele mit längeren Dialogen runden das Kapitel ab.

3. Teil: Von (ohn-)mächtigen Helfern und berauschten Sehnsüchten – Gedanken zum systemischen Verständnis süchtigen Trinkens. Von Rudolf Klein
Der kürzeste Artikel des Buches von Rudolf Lein befasst sich mit systemischer Therapie bei süchtigem Trinken und bleibt eher auf der theoretischen Ebene. Es stellt sich ein wenig die Frage des Zusammenhangs mit den ersten beiden Kapiteln.

 

Für wen ist das Buch hilfreich und lesenswert?

Eine systemische Beratungs- oder Therapieausbildung ist Voraussetzung, um das Buch zu verstehen und nutzen zu können. Es ist lesenswert für alle BeraterInnen und TherapeutInnen, die im Rahmen von mehr oder minder strengen Zwangskontexten von Gerichten, Jugendämtern, Beratungsstellen, freien Praxen etc. arbeiten.

Besonders empfehlenswert halte ich dieses Buch aber auch für die Verantwortlichen, die mit der Entwicklung von Konzepten wie z.B. im Bereich der (teil-) stationären Jugendhilfe zu tun haben. Die besonderen Rahmenbedingungen und Dynamiken, die Zwangskontexten eigen sind, werden m.E. in der Entwicklung von Konzepten und in der Zusammenarbeit zwischen (freien) Trägern und Kostenträgern (Jugendämtern) häufig noch zu wenig beachtet. Hierfür könnte das Buch nützliche Anregungen zur Gestaltung von Konzepten, Überweisungswegen und der Gestaltung von Hilfeplangesprächen und Auswertungen geben.

Für die systemische Supervision gibt das Buch zahlreiche Denkanstöße, wie in Fallsupervisionen Zwangskontexte thematisiert und in den Blick genommen werden können. Wie insbesondere der Blick auf die Ressourcen von Klienten geworfen werden kann und ihre Freiräume und Verantwortlichkeiten thematisiert werden können. Als Hintergrundlektüre ist dieses Buch aber auch für die Teamsupervision hilfreich. So mancher „Zwangskontext“ in Arbeitsverhältnissen lässt sich hieraus ableitend anders in den Blick nehmen.